Als wir noch kleine Kinder waren, brav in den harten Kirchenbänken knieten und die gewohnten Rituale routiniert absolvierten, da waren wir nicht ohne Gedanken. Zuweilen, wenn unser Blick ins Kirchendach abschweifte, haben wir uns vorgestellt, dass dort oben der tausendfach erwähnte „liebe Gott“ – ja was? – wohnte, hauste, schwebte?

In unserem reifen Alter hat sich diese Frage entmystifiziert. Denn wir hatten oft Einblick in das Kirchendach, wenn wir im Februar den jährlichen Frühjahrsputz des Schleiereulenkastens und die Sichtung der anderen Vogelnester vorgenommen haben. 

01-treppe

Da bewegten sich alte Herren vorsichtig die wirklich steile Treppe im Turm hoch, bewehrt mit Eimern, Besen, Kabeltrommel, bis sie vor dem kreuzbeugenden Durchschlupf zum Dachboden standen, der ihnen wie ein dunkler Schlund entgegen gähnte und hinter dem es selbst dem „lieben Gott“ unwohnlich, wenn nicht gar unheimlich werden könnte.

So war es auch in diesem Jahr am 7. März. Auch an diesem Tag erklommen zwei alte Herren ( zusammen stramme 160 Jahre alt) die immer noch steile Treppe, gefolgt – nein, nicht von Altenpflegerinnen – sondern von zwei energisch zupackenden Damen, die nicht annähernd an die Lebenseinwaage der beiden Herren reichten.

Vor dem Durchschlupf zum Dachboden, wo manchem bibelfesten Menschen der Spruch aus 1 Mose 1,3 als Wunsch einfallen kann: „ Es werde Licht, und es ward Licht“ tat sich den vier staunenden Nestputzaktivisten genau dieses für den Obersülzer Kirchturmboden passende Wunder auf: „Fiat Lux. Et facta est lux – Es werde Licht. Und es ward Licht.“

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Das zum pflichtgemäßen theologischen Teil. 

Wie das in unserer profanen Gegenwart so ist, die Erklärung für die Erleuchtung des Kirchenbodens liegt einfach in einigen Metern Leitungsdraht mit angebundenen Lampen und Leuchtmitteln – alles sehr professionell und erhellend – und unsere Kirchenbodenarbeit sehr unterstützend.

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Da bleibt auch, nach getaner Nistkastenreinigung, bei der guten Beleuchtung noch Zeit für einen genaueren Blick ins alte Gebälk des Kirchendaches, auf das vom Holzexperten Erb in einem der Balken entdeckte  Wiedenloch.

04.Wiedenloch

Mit Wieden zusammengebundene Baumstämme wurden als Floß an ihren Zielort gebracht. ( mittelhochdeutsch wide, althochdeutsch withi „Zweig zum Flechten“ aus dem 8. Jahrhundert)

Die Verarbeitung der Wieden aus Haselnuss-, Birken-, Fichten- und Eschengerten erfolgte in einem Wiedofen. (Eine interessante Darstellung ist hier nachzulesen.)

06. Floßbohrer

Handbohrer

Herkunft/Rechte: Flösserei- und Verkehrsmuseum Gengenbach (CC BY-NC-SA)

„Dieser Löffelbohrer, … war eines der wichtigsten Werkzeuge, mit welchem der Flößer die Baumstämme für den Abtransport als Floß vorbereitete. Zu der Ausrüstung … der Flößer allgemein, gehörten eine massive Axt, Bohrer, verschiedene Haken und Krempen, Stricke oder Haselruten und Holznägel und -pflöcke.

Das Einbinden der Stämme und vor allem das Bohren der dafür benötigten Löcher von Hand machte das Vorbereiten der Baumstämme für den Abtransport als Floß zur körperlich schweren Arbeit.“ (Quelle)

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So fällt mit dem neuen Licht im Kirchenbodendach ein wenig Licht auf die Arbeit unserer Altvorderen.

Nicht gekennzeichnete Bilder: F. Sauer

Text: H. Wünnenberg