Es muss einmal in aller Bescheidenheit, wie es unserer kleinen Naturschutzgruppe ziemt, gesagt werden, dass wir die Mitgliederbeiträge und Spenden unseres Vereins recht gut zum Wohle der Natur Obersülzens einsetzen.

2014 wurde am Landgrabenufer (Wormser Weg) eine Traubenkirsche (damaliger Baum des Jahres) gepflanzt. 2017 folgte eine Sommerlinde (Baum des Jahres 1991) als Seniorenbaum auf dem vorderen Friedhofsgelände, und 2019 wurde am diesseitigen Ufer des Landgrabens als Ehrenbaum für Ulrich Heinze eine Flatterulme ihrem Wachstum überlassen.

Diese schöne Tradition haben wir in den späten Märzwochen 2020 fortgesetzt.

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen“ – so Luther diesen Spruch denn jemals in die Welt gesetzt hat, – so muss das seiner Erfahrung nach mit mühseligem Tun verbunden gewesen sein: Baum besorgen, Spaten schleifen, tiefes Pflanzloch in womöglich steinigen Grund graben – und das in Hast: denn der Weltuntergang ist nahe.

Gottlob leben wir in bequemeren Zeiten. Da kommt ein erfahrenes Mannespaar der Gärtnerei Breivogel mit schwerem Gerät, das imstande ist, beliebig große und beliebig tiefe Pflanzlöcher auszuheben und – schwupps – einen jungen Baum auf dem Altfriedhof unweit des Turmes der Obersülzer Kirche der Erde zu übergeben.

01.Robinie_Pflanzung©️Haas

Eine kurze Drehung nach Osten und zwischen Kirche und südlicher Begrenzungsmauer passiert die gleiche Prozedur.

02-Amberbaumpflanzung©️Haas

Und da stehen sie nun – die ROBINIE – für die an dieser Stelle abgestorbene Linde – und der AMBERBAUM (Liquidambar styraciflua).

Die deutsche Bezeichnung „Robinie“ – der Baum des Jahres 2020 – trägt den Namen des Botanikers Jean Robin, der die ersten Robinien-Samen 1601 von Nordamerika nach Paris brachte. Er pflanzte unweit von Notre-Dame zwei Robinien, die als die ältesten Bäume von Paris angesehen werden. Die ältere mit einem Stammumfang von 3,90 m wurde im 1. Weltkrieg durch Bombeneinwirkung stark zerstört; sie blüht aber immer noch.

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Die Robinie ist anspruchslos und verhindert durch ihr in die Breite gehendes Feinwurzelwerk Bodenerosionen. Das ist bei uns sehr gut zu sehen in der sich nach tief unten windenden Straße von Großkarlbach nach Freinsheim. Die schroffen Seitenhänge sind bepflanzt mit stabilisierenden Robinien.

Die Robinie wird auch als Bienenweide angepflanzt. Nördlich von Maxdorf brummt und summt es im Sommer in den Robinien. Dort produzieren Bienen einen hellen, klaren, milden und dank des hohen Fruktosegehalts über Jahre nicht kristallisierenden Honig. Meist wird er unter dem irreführenden Namen Akazienhonig vermarktet.

Eine ausgezeichnete und umfassende Darstellung der Robinie kann in dem ROBIN WOOD-magazin, Nr. 143/4.2019, Seite 20ff eingesehen werden.

Noch sieht er ein wenig spillerig aus, der AMBERBAUM, (Liquidambar styraciflua  Worblesdon ) klein und unauffälig an der süd-östlichen Kichenecke.

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©️Wünnenberg

Was man so liest über ihn, dann scheint er etwas zu haben, etwas begehrlich Duftendes.

Süskind, Patrick: Das Parfum, Zürich: Diogenes 1985, S. 193

„In ihr komponierte er rasch ein anderes Parfum, eine Art Kopie des ersten, das ebenfalls aus frischen und aus blumigen Elementen bestand, bei dem jedoch die Basis nichts mehr von dem Hexensud enthielt, sondern ganz konventionell etwas Moschus, Amber, ein klein wenig Zibet und Öl von Zedernholz.“

Wenn man seine Blätter zwischen den Fingern zerreibt, dann duftet er nach – na, eben nach Amber.

Da der Amber aus Amerika kommt, hatte man sich dort schon längst seiner Düfte bemächtigt. Angeritzt entlässt der Amber aus seiner Rinde Storax, einen Saft, der als Kaugummigrundstoff Verwendung fand.

In etwa 20 Jahren ist unser Amber groß; er wächst 20 – 40 cm jedes Jahr, blüht von April bis Mai. Bis dahin hat sein Samen 25 Vogelarten, wenn es sie dann noch gibt, gute Nahrung gegeben.

Dank seiner Robustheit gegen Hitze und Klimawandel wird er künftigen Obersülzer Generationen Schönheit und auch Schatten spenden.

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Und im Herbst prangt er in einer wunderschönen Herbstfärbung – Indian Summer in Obersülzen.

Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.“  (Tagore, Literaturnobelpreis  1913)

Text: Wünnenberg