Wie viele Jahre ist es her, dass sich auf den Windschutzscheiben unserer Autos eine dicke Schicht getöteter Insekten abbildete? Und wie sieht das heute aus? Wo sind die Schwalbenschwärme geblieben, die noch vor einigen Jahren abends hoch in den Lüften über dem Dorf Insekten jagten?

Wenn sich bei großer Hitze an Insekten interessierte Menschen treffen, um mit Gerd Reder unsere alljährliche Insektenexkursion entlang des Landgrabens zu erleben, dann wird sie dank seiner geschulten Augen und seiner Expertise zum – auch für die jungen Teilnehmer – garantierten Erlebnis.

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Wo unsereiner es vielleicht summen und brummen hört, aber wegen seiner grob gestellten Optik nichts zu sehen bekommt, da greift Gerd Reder hier und dort hin, und befördert die verschiedensten Insekten vor unsere staunenden Augen.

So kam auf einer relativ kleinen Strecke entlang des Landgrabens – wie unten aufgeführt – eine stattliche Insektenliste zusammen.

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Dieser seltene Geselle, ein Kartoffelkäfer,

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ruft nicht nur das Erstaunen des Entomologen hervor, sondern erinnert auch an die Kindheit, in der man einen „Ausflug“ auf den Kartoffelacker des Lehrers Potthast machen durfte, und dort die zahlreichen Kartoffelkäfer „mit Hast in den Pott“ zu befördern hatte.

Bilder: F.Sauer

Hier die Aufstellung der gefundenen Insekten, die in der Vielfalt wohl der Renaturierung des Landgrabens zu verdanken ist.

04.Insektenwanderung 9.7.2017

Wer sich einen kleinen Einblick in die wissenschaftliche entomologische Arbeit Gerd Reders und seiner Kollegen verschaffen will, möge unten einen Blick werfen in eine der Veröffentlichungen über den Nachweis der Sattel-Mordfliege (Laphria ephippium) (Fabricius, 1781) in Rheinland-Pfalz (Diptera: Asilidae) durch Gerd Reder.

Diese Arbeit hat schon etwas von der heroischen Geste Luthers: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Denn wenn man die Ergebnisse der Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld zur Kenntnis nimmt, in der zwischen 1989 und 2014 an 88 Orten in Nordrhein-Westfalen Insekten in sogenannten Malaisefallen gefangen und deren Massen gewogen wurden (1995 durchschnittlich 1,6 Kilogramm Biomasse gegen 2014 300 Gramm), dann steht man mit Schrecken vor diesem rasanten Rückgang der Insektenbiomasse in einem Zeittraum von nur 20 Jahren.

Selbst die Bundesregierung stellt auf eine Kleine Anfrage der GRÜNEN: „Stummer Frühling – Verlust von Vogelarten“ den Zusammenhang von abnehmender Insektenbiomasse und schleichendem Vogelartensterben fest. ( Quelle )

(Nebenbei: Auch der Rebhuhnbestand ist in der Zeit von 1990 – 2015 um 84 Prozent zurückgegangen. Weiterhin fröhliches Jagen – kann man da sagen.)

Über eine der Ursachen (Neonicotinoide) muss freilich noch fleißig gestritten werden. Da bildet das Ministerium erst einmal eine Kommission ….

Aktuell gilt in der EU ein Moratorium für die drei neonicotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam, die nur unter Einschränkungen verwendet werden dürfen. Bis 2017 soll die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine Neubewertung vornehmen.

Ist ja alles nicht so eilig.

1962 erschien von Rachel Carson: Der Stumme Frühling. Das Buch löste eine heftige Debatte über das Insektizid DDT aus, das schließlich verboten wurde.

Insektizide wurden von Rachel Carson als BIOZIDE bezeichnet, die das langfristige Potential zur Auslöschung der bekannten Natur hätten.

Wenn sich die Utopie einer Beweislastumkehr verwirklichen würde, mit der vor dem Einsatz neuer Mensch und Natur möglicherweise beeinträchtigende Mittel nachgewiesen werden muss, dass sie unschädlich sind, könnte die Natur aufatmen.

So wird es wohl bei der bisherigen sich exponentiell steigernden Entwicklung der Zerstörung der Natur bleiben.

„Fünf Mal gab es in den vergangenen 540 Millionen Jahren gewaltige Artensterben, zeigen Fossilienfunde. Forscher sehen eine aktuelle, menschengemachte, sechste Welle in vollem Gange. Allein seit dem Jahr 1500 seien mehr als 320 terrestrische Wirbeltiere ausgestorben, die Bestände der verbliebenen seien im Schnitt um ein Viertel geschrumpft, schreiben Wissenschaftler um Rodolfo Dirzo von der Stanford University in der Zeitschrift „Science“. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen zur Artenvielfalt sterben bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten täglich aus.

Der Mensch im Anthropozän hat auf die Artenvielfalt also langfristig eine „ähnlich verheerende“ Wirkung wie der große Meteor-Einschlag vor 65 Millionen Jahren.“

Quelle

Hier die Arbeit von Gerd Reder:

05.Laphria ephippium