Wer kennt in diesen kalten bewegungsarmen Zeiten nicht die verhaltene Sehnsucht nach einem kleinen Spaziergang durch frühlingswarme Weinberge – auch wenn wir dazu in Obersülzen nur die noch vorhandenen 3 1/2 Wingerte nutzen könnten.

Stellen wir uns weiter vor, wir haben bei diesem Gang durch einen Griff zum Ohr gemerkt, dass wir den iPod vergessen haben. Aber wo kommt dann die Musik her? Das muss doch Mozarts Musik sein, die über den ganzen Weinberg schwingt. Beim Weitergehen entdecken wir in den Reben auf Masten montierte Bose-Lautsprecher-Boxen aus denen es fröhlich schallt: „Ein Mädchen oder Weibchen, wünscht Papageno sich …“

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So gern man sich auch dieser Vorstellung hingeben möchte – in Obersülzen hat´s Mozart im Weinberg doch sehr schwer.

Was nicht heißt, dass diese Phantasie jeder Realität entbehrt.

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Dieser Mann – Giancarlo Cignozzi – ist Winzer in der Toskana, Mozartliebhaber, früher Rechtsanwalt in Mailand. Seine Weinberge liegen im Gebiet um Montalcino, wo der berühmte Brunello di Montalcino angebaut wird.

Seit 10 Jahren erschallt in seinen 60 Hektar großen Weinbergen Mozart oder auch Vivaldi – aus 70 großen wetterfesten Boxen, die die Firma Bose spendiert hat.

Spinnerei? Schnapsidee im Weinberg?

Anscheinend nicht, denn seit fünf Jahren wird die Beobachtung des italienischen Winzers, dass in beschallten Weinbergen dichteres Weinlaub, größeres Traubengut, widerstandsfähigere Stöcke produziert werden, von Stefano Mancuso, Pflanzenelektrophysiologe von der Universität Florenz, wissenschaftlich begleitet und untersucht.

So viel scheint fest zu stehen: Die Weinpflanzen „hören“ zwar nicht, aber ihre empfindlichen Zellmembranen reagieren sehr empfindlich auf die Vibration des Schalls – und die Pflanzen verhalten sich dazu. Mozart-Musik verursacht wohl die richtigen Vibrationen.

Das macht neugierig. Deshalb wird seit Jahren ausführlich über die Mozart-Weinberge berichtet – wie hier in der Sendung des Hessischen Fernsehens: „alles wissen“.

Mozart im Weinberg – „alles wissen“ – Sendung des HR

Dass sich überhaupt Wissenschaftler mit diesen Phänomenen beschäftigen – und das im Zeitalter der monokulturellen Agrarwirtschaft – geht auf Veränderungen von Grundannahmen in der Wissenschaft der Biologie zurück:

Pflanzen werden nun nicht mehr als Automaten gesehen, die starr von ihren Genen gesteuert werden. Wenn für Intelligenz der kleinste Nenner, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, ist – dann muss Pflanzen eine Intelligenz zugesprochen werden.

Die Biologin Florianne Koechlin berichtet schon seit Jahren über diese Veränderungen in der Biologie und ist eine der Initiatoren der Rheinauer Thesen, einer Schweizer Bewegung, die die Ethikkommission der Schweiz schließlich – gegen großen Widerstand der Agrarlobby – veranlasste, Pflanzen ihre eigene Würde zuzugestehen mit der Aufforderung – weil wissenschaftliche Ergebnisse es nahe legen – die Natur neu zu denken.

Florianne Koechlins Bücher sind spannend und griffig geschrieben. Dem umfangreichen Anhang ist jeweils die wissenschaftliche Begründung zu entnehmen.

Koechlin_Mozart

ISBN 978 3 85787 424 6